Das Tafelgemälde wurde für ein Vorzimmer zum Schlafgemach des Lorenzo di Pierfrancesco de Medici, den Hauptauftraggeber Botticellis, gemalt. Dort hing es über einem Sofa neben anderen Gemälden Botticellis, mit denen es in einem inhaltlich-ikonographischen Zusammenhang stand.
Das Bild konnte vom gelehrten und vorgebildeten Kunstbetrachter wie ein Buch gelesen und verstanden werden. Die vordergründige Darstellung der Ankunft des Frühlings enthält verschiedene Zeit- und Bedeutungsebenen: Der Windgott Zephyr, die Personifikation der lauen Frühlingslüfte, ergreift rechts im Bild die Nymphe Chloris, die er, wie Ovid beschrieb, gewaltsam zur Frau nimmt. Als Entschädigung für die erlittene Vergewaltigung wird Chloris in Flora, die Personifikation des Frühlings, verwandelt. Um die Zeitdifferenz der beiden aufeinanderfolgenden Szenen zu betonen, läßt Botticelli die Gewänder der beiden Frauen auf unrealistische Weise in verschiedene Richtungen wehen. Dies erklärt auch das unbeteiligte Lächeln der Flora (siehe Detail), die die Vergewaltigungsund Verwandlungsszene neben sich nicht zu bemerken scheint. Ort des Geschehens ist der Garten der Venus, in dem Orangenbäume und Lorbeerzweige als Symbole der Familie der Medici wachsen. Gleichzeitig gilt hier der Garten der Venus als Symbol für die Stadt Florenz (Fiorenza), denn rechts unten in der Ecke erscheint die Lilie aus dem florentinischen Stadtwappen. Venus, die zentrale Figur der Komposition, ist die Herrscherin des Gartens, ihr ist der Frühling allegorisch zugeordnet. Ein weiteres Attribut der Göttin ist der über ihr schwebende Knabe Amor, der mit verbundenen Augen seinen brennenden Liebespfeil abschießt. Der Pfeil Amors ist auf eine der drei tanzenden Grazien gerichtet, die Wollust, Keuschheit und Schönheit verkörpern. Während Cupido auf die Keuschheit zielt, vertreibt der Götterbote Merkur am linken Bildrand mit seinem Schlangenstab einige dunkle Wolken, die in den Garten der Venus eingedrungen sind. Auf Szenen und Personal der antiken Mythologie zurückgreifend, stellt Botticelli den Sieg der keuschen Liebe über die sinnliche Begierde dar. Rechts von Venus ist das frühlingshafte Erwachen der sinnlich triebhaften Liebe durch Zephyr und Chloris symbolisiert, links von ihr die Verwandlung der Triebe in keusche und vergeistigte Liebe, die durch Venus, Merkur und die Grazie der Keuschheit repräsentiert wird. Botticelli illustriert in diesem Gemälde die vom Hofphilosophen der Medici vertretene Theorie, daß die Entwicklung des Menschen vom Streben nach materiellen Zielen zur geistigen Erleuchtung führe. Angesichts der Größe dieses Gemäldes beeindruckt besonders die enorme Feinheit, mit der Botticelli die Details wie die winzigen Blüten auf der Blumenwiese, die kleinteiligen Stoffmuster und die leichte Transparenz der Gewänder naturgetreu dargestellt hat. Bewundernswert ist auch die Vielfalt der Pflanzen: Man hat ca. 500 verschiedene Arten ausfindig gemacht, davon 190 blühende.